Stimmen zur militärischen Opposition
„Die hier behandelten Verhaltensweisen von oppositionellen Offizieren zeigen ein individuell unterschiedliches Gefüge von Motiven. Ganz abgesehen von ihrer Einstellung zum Attentatsvorhaben, lassen sich sowohl ideologische Übereinstimmung mit dem nationalsozialistischen Feindbild bei einigen, Kooperation bei der völkerrechtswidrigen Kriegführung bei anderen wie auch Antisemitismus, Passivität und schließlich Desavouierung des Widerstandes überhaupt ausmachen. Hervorzuheben ist die Entschlossenheit zum Handeln – auch um weitere Opfer zu vermeiden – beim Kern der Opposition, wo Offiziere agierten, die sich erst noch von dem Hochgefühl nach dem Sieg im Westen freizumachen hatten.“
Manfred Messerschmidt, Motive der militärischen Verschwörer gegen Hitler. In: Gerd R. Ueberschär, NS-Verbrechen und der militärische Widerstand gegen Hitler. Darmstadt 2000, S. 115
Aus der Zeugenvernehmung Fabian von Schlabrendorffs durch Robert Kempner im Nürnberger Einsatzgruppenprozess (1948).
Hier geht es um die Tätigkeit Arthur Nebes, Mitverschworener gegen Hitler, zu dem Henning v. Tresckow, v. Gersdorff und v. Schlabrendorff seinerzeit engen Kontakt gehalten hatten. Der Führer der SD-Einsatzgruppe B Arthur Nebe, der heute nicht mehr zum Widerstand gerechnet wird, hat die Ermordung von 45.000 Menschen zu verantworten:
Schlabrendorff: "(...) Ich weiss, dass er (Nebe) während dieser Zeit (1941) alles versucht hat, um die Ermordung von Juden und Russen zu verhindern-"
Kempner: "Ja."
Schlabrendorff: "- oder auf ein Mindestmass herabzudrücken."
Kempner: "Ja."
Schlabrendorff: "Aber er stand in einem furchtbaren Konflikt, wegzugehen, und es anderen zu überlassen, die nicht 10, sondern 100 % töten würden, oder es auf ein Minimum herabzudrücken."
Kempner: "Als Sachverständigen der Widerstandsbewegung frage ich Sie dann als Schlussfrage: Wie viele Juden darf man denn ermorden, wenn man das Endziel hat, Hitler zu beseitigen – wie viele Millionen?"
Schlabrendorff: "Ich würde sagen, niemanden."
Kempner: "Danke schön."
Staatsarchiv Nürnberg Fall XI, dt. Protokoll Bl. 10659 f.: Vernehmung Fabian v. Schlabrendorff v. 30.6.1948
Fundstelle: Christian Gerlach, Hitlergegner bei der Heeresgruppe Mitte und die "verbrecherischen Befehle". In: Gerd R. Ueberschär, NS-Verbrechen und der militärische Widerstand gegen Hitler. Darmstadt 2000, S. 70.
"Die hier behandelten Verhaltensweisen von oppositionellen Offizieren zeigen ein individuell unterschiedliches Gefüge von Motiven. Ganz abgesehen von ihrer Einstellung zum Attentatsvorhaben, lassen sich sowohl ideologische Übereinstimmung mit dem nationalsozialistischen Feindbild bei einigen, Kooperation bei der völkerrechtswidrigen Kriegführung bei anderen wie auch Antisemitismus, Passivität und schließlich Desavouierung des Widerstandes überhaupt ausmachen. Hervorzuheben ist die Entschlossenheit zum Handeln – auch um weitere Opfer zu vermeiden – beim Kern der Opposition, wo Offiziere agierten, die sich erst noch von dem Hochgefühl nach dem Sieg im Westen freizumachen hatten."
Manfred Messerschmidt, Motive der militärischen Verschwörer gegen Hitler. In: Gerd R. Ueberschär, NS-Verbrechen und der militärische Widerstand gegen Hitler. Darmstadt 2000, S. 115
"Nimmt man alle Feststellungen zusammen, scheint es, daß die spezifische Gruppe unter den Hitlergegnern, auf die ich mich in meinen Veröffentlichungen bezogen habe, bestimmte Arten von Gewaltakten – das heißt Massenverbrechen – aus Überzeugung mit beging oder unterstützte, andere dagegen durchaus aus einem moralischen Anspruch und nicht etwas nur aus Zweckdenken heraus ablehnte oder auch aktiv zu verhindern suchte."
Christian Gerlach, Hitlergegner bei der Heeresgruppe Mitte und die "verbrecherischen Befehle“. In: Gerd R. Ueberschär, NS-Verbrechen und der militärische Widerstand gegen Hitler. Darmstadt 2000, S. 67.
"Immer wird man die ehrenwerten Motive der Verschwörer, ihr Engagement, ihre Opferbereitschaft achten. Doch die unprofessionelle Vorgehensart der beteiligten Generalstäbler könnte nur vernichtende Manöverkritiken ernten. Unverzeihlich waren die Versäumnisse der Putschisten: Weder das Gestapo-Hauptquartier noch die Wehrkreiskommandantur wurden besetzt. Nicht besetzt wurden die Posttelefonzentrale der Hauptstadt, das Propagandaminsiterium, nur halbherzig besetzt der Deutschlandsender – das Programm lief ungestört weiter und somit auch die eingeblendeten Lagemeldungen aus dem Führerhauptquartier. Führertreu alle Panzereinheiten, führertreu das Ersatzregiment 'Hermann Göring', führertreu die Ersatzbrigade ‚Großdeutschland’. Und die SS-Leibstandarte in Lichterfelde, die man mit schwerer Artillerie niederkartätschen wollte, sie stand ungehindert zur Verfügung des Ministers Goebbels. Lauter Todsünden der Putschisten. Wie sagte anderntags der Waffen-SS-Kommandeur Sepp Dietrich zu dem Panzergeneral Gerhard Graf Schwerin, einem heimlichen Mitverschwörer? ‚Wenn man schon so etwas macht, muß man es ganz anders machen!"
Carl Dirks/Karl-Heinz Janßen, Der Krieg der Generäle. Hitler als Werkzeug der Wehrmacht. Berlin 1999, S. 178.
