Generaloberst a.D. Ludwig Beck
1. Geboren am 29. Juni 1880, erschossen am 20. Juli 1944, nachdem ein erzwungener Selbstmord misslang.
2. Eintritt in die preußische Armee nach dem Abitur. 1899 Leutnant. 1909 Oberleutnant. 1908 bis 1911 Kriegsakademie in Berlin, 1913 Hauptmann. 1913 im Generalstab. Teilnahme am 1. Weltkrieg, 1916 Major. 1919 Eintritt in die Reichswehr. 1923 Oberstleutnant, 1927 Oberst, 1931 Generalmajor, 1932 Generalleutnant. 1933 Chef des Truppenamtes im Reichswehrministerium. 1935 Chef des Generalstabes des Heeres und General der Artillerie. 1938 Generaloberst, im selben Jahr Ausscheiden aus dem Dienst auf eigene Veranlassung.
3. Ludwig Beck begrüßte die nationalsozialistische Machtübernahme als den „erste(n) Lichtblick seit 1918“.(1) Am 1.12.1933 trat er für die Remilitarisierung des Rheinlandes unter bewusstem Bruch der Völkerrechts ein.(2)
Der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt schreibt, dass die Reichswehrführung bereits vor 1933 auf die „Erlangung der Rüstungsfreiheit“ Deutschlands ausgerichtet gewesen sei. D.h. dass die Reichswehr die Abrüstungsmaßnahmen bereits vor 1933 nicht mehr dulden wollte, die Deutschland nach dem Ende des 1. Weltkriegs durch die Versailler Verträge auferlegt worden waren.(3) Der Austritt aus der Abrüstungskonferenz und aus dem Völkerbund war, ging es nach der Reichswehr, schon vorprogrammiert. (Offiziell trat das Deutsche Reich im Oktober 1933 aus dem Völkerbund aus.) Es war auch keine Verteidigungsarmee, die die Reichswehr schon zu Anfang der 20er Jahre geplant hatte und deren Aufrüstung bis 1933 verdeckt betrieben worden war. Bereits 1923, während Deutschland lediglich ein Heer von 100.000 Mann unterhalten durfte, hatte General Hans von Seeckt, der Chef der Heeresleitung, dem Truppenamt insgeheim die Planungsaufgabe gestellt, ein Kriegsheer mit einer Stärke von 2,8 bis 3 Millionen Mann – 102 Divisionen - aufzustellen. Das Aufrüstungziel, gemeinsam geplant von den Generälen Beck, Fritsch und Fromm, sah im 1. Quartal 1938 102 Heeresdivisionen vor, die vom Etatjahr 1940 an einsatzbereit sein sollten.(4) Die ursprünglichen Pläne Becks und Fritschs sahen vor, den Nichtangriffspakt mit Polen, der 1934 für zehn Jahre geschlossen worden war, zum Aufbau des „Großen Heeres“ zu nutzen.(5) Am 1. September 1939 hatte das deutsche Heer tatsächlich eine Größe von 102 Divisionen – die Planungen, die in der Reichswehr gereift waren, hatte die Wehrmacht, allen voran ehemalige Reichswehrgeneräle, umgesetzt.(6)
Die Versailler Verträge erlaubten dem deutschen Heer keinen Generalstab. Deswegen nannte sich die Position, die Ludwig Beck 1933 bis 1935 innehatte, zunächst „Chef des Truppenamtes im Reichswehrministerium“. De facto war er bereits zu diesem Zeitpunkt Generalstabschef. „General Beck hätte es am liebsten gesehen, wenn Deutschland beim spektakulären Austritt aus dem Völkerbund im Oktober 1933 die Courage aufgebracht hätte, die Karte der Aufrüstung gleich mit auf den Tisch zu legen und die allgemeine Wehrpflicht zu verkünden.“(7) Beck gehörte zu den Militärs, die eine uneingeschränkte militärische Aufrüstung Deutschlands ohne Rücksicht auf internationale Abkommen unterstützten. Bedenken anderer Militärs und des Außenministeriums brachten ihn nicht von einer kompromisslosen Aufrüstung des "Risikoheers" ab.(8) Beck wollte 1933/34, dass der Begriff des „21-Divisionen-Heers“ beibehalten wurde, obwohl „er und seine Kameraden längst die 63 Divisionen (...) anpeilten“.(9) Das so genannte „Risikoheer“ sollte notfalls „einen Verteidigungskrieg nach mehreren Fronten mit einiger Aussicht auf Erfolg aufnehmen“ können.(10) Beck trieb ganz besonders den Ausbau der Panzerwaffe voran, er forderte die gigantische Anschaffung von 10.000 Panzern, konnte sich jedoch gegenüber anderen Rüstungsvorhaben nicht in diesem Ausmaß durchsetzen.
Als Generalsstabschef gehörte Beck zu den eifrigsten Verfechtern der „Stärkung der Angriffskraft des Heeres“.(11) „Zusätzlich zu drei geplanten Panzerdivisionen sah ein bis 1939 terminierter Aufbauplan 48 Panzerbrigaden vor, daneben vier leichte Divisionen. Diese Formationen sollten zu weitreichenden Operationen fähig sein. Der Generalstab des Heeres ging im Juni 1936 für das Mobilmachungsjahr 1937/38 von einem Kriegsheer von 2,68 Millionen Mann aus.“(12) 1939 sollte das Heer bereits größer sein als 1914. Becks Skepsis in der 2. Hälfte der 30er Jahre gründete lediglich darauf, dass das Heer 1938/39 nicht schlagfertig sein werde.(13) Er sorgte sich nicht vor einem Krieg gegen die Tschechoslowakei, sondern sah diese wie alle Militärs vielmehr als „eine unerträgliche Flankenbedrohung“ (Dirks/Janßen). Becks Sorge war lediglich, dass man zu früh mit dem Krieg losschlagen würde. Am überarbeiteten Aufmarschplan gegen die Tschechoslowakei, dem „Fall Grün“, war er 1937 gleichwohl beteiligt. Darin heißt es: „Hat Deutschland seine volle Kriegsbereitschaft auf allen Gebieten erreicht, so wird die militärische Voraussetzung geschaffen sein, einen Angriffskrieg gegen die Tschechoslowakei und damit die Lösung des deutschen Raumproblems zu einem siegreichen Ende zu führen, wenn die eine oder andere Großmacht gegen uns eingreift.“ (14) Becks Bedenken, die sich auch in Denkschriften und Vorträgen gegenüber dem Oberbefehlshaber des Heers, General v. Brauchitsch, und der Generalität niederschlugen, resultierten daraus, dass er befürchtete, die Westmächte würden der Tschechoslowakei zu Hilfe eilen. Er bemühte sich, die anderen Militärs zum „Einschreiten gegen die Kriegspläne und schließlich zum gemeinsamen Rücktritt zu bewegen“.(15) Der teilweise offene Konflikt zwischen Hitler und Beck anlässlich der „Sudetenkrise“ ist jedoch nicht als erster Staatsstreichversuch zu verstehen. Beck ließ sich von seinem Amt entbinden, da er bei der Generalität keinen Widerhall fand, und erklärte sich einverstanden, dass sein Rücktritt nicht öffentlich wurde. Er bot sogar an, im Kriegsfall ein Truppenkommando zu übernehmen. Nach der Münchener Konferenz Ende September 1938, bei der Frankreich und Großbritannien einer Abtretung des tschechischen Sudetenlandes an das Reich zustimmten, ging er nach Aufforderung durch Hitler in den Ruhestand.(16)
Nach seinem Ausscheiden aus dem Militär ist Beck der zivilen Opposition um Goerdeler zuzurechnen.(17) Der Widerstand um Beck hatte mit wenigen Ausnahmen keine engere Verbindung zu aktiven Militärs. (18) Verbindungen bestanden jedoch zu dem Militärbefehlshaber in Frankreich, Carl-Heinrich v. Stülpnagel, zum Befehlshaber West, Generalfeldmarschall v. Witzleben, und im September 1941 nahm auch v. Tresckow Kontakt zu Beck auf. Auch zu Oberstleutnant Hans Oster, dem Chef der Zentralabteilung im Amt Ausland/Abwehr, bestanden Kontakte. Vor dem 20. Juli 1944 war Ludwig Beck als „Generalstatthalter“ vorgesehen.(19) Er hatte sich zu einem von Hitlers entschiedensten und einflussreichsten Gegnern entwickelt. Wie Goerdeler oder Hassell lehnte er Demokratie und Parlamentarismus ab und trat für die "obrigkeitsstaatliche Tradition Preußens und des Reichs" ein. „Auch diese leidenschaftlichen Gegner Hitlers waren dem antidemokratischen Denken der Weimarer Republik verhaftet.“(20) Noch genauer: Sie waren Gegner der Weimarer Republik. Cartarius, Herausgeber eines Bildbands über die Anti-Hitler-Opposition vergleicht ihre konservativ-antidemokratische Haltung mit derjenigen von Ernst Jünger, Ernst Niekisch und dem Staatsrechtler Carl Schmitt.(21) Der Historiker Wolfram Wette schreibt: „Zu dem Bündel gemeinsamer Überzeugungen der nationalsozialistischen Führung und der nationalkonservativen Militärelite gehörte an vorderster Stelle das bellizistische Credo (...) Die grundsätzliche Bejahung einer kriegerischen Machtpolitik im Interesse einer hegemonialen Großmachtstellung Deutschlands, verbunden mit einer neuerlichen gesellschaftlichen Aufwertung ihres Berufsstandes, führte die Angehörigen der Militärelite zu jener Zusammenarbeit mit dem NS-Staat, die in der ‚Zwei-Säulen’-Theorie – die Wehrmacht als eine der beiden tragenden Säulen des NS-Staates – durchaus zutreffend eingefangen wurde.“(22)
Anmerkungen:
(1) Wolfram Wette, Reichswehr, Wehrmacht, Antisemitismus und militärischer Widerstand (1933-1939). In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.), NS-Verbrechen und der militärische Widerstand gegen Hitler. Darmstadt 2000, S. 22. Wette zitiert nach: Klaus-Jürgen Müller, General Ludwig Beck. Studien und Dokumente zur politisch-militärischen Vorstellungswelt des Generalstabschefs des deutschen Heeres 1933-1938. Boppard 1980, S. 339.
(2) Klaus-Jürgen Müller, Armee und Drittes Reich 1933-39. Paderborn 1987. Dok. Nr. 124 und 128.
(3) Vgl. Manfred Messerschmidt, Vorwärtsverteidigung. Die „Denkschrift der Generäle“ für den Nürnberger Gerichtshof. In: In: Hannes Heer/Klaus Naumann (Hrsg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. Hamburger Edition/Lizenzausgabe für Zweitausendeins 1995, S. 531ff.
(4) Carl Dirks, Karl-Heinz Janßen, Der Krieg der Generäle. Berlin 1999, ebd. S. 66.
(5) Ebd., S. 69.
(6) Ebd., S. 13.
(7) Ebd., S. 59 unter Bezug auf die Dok. Nr. 124 und 128, gedruckt in Klaus-Jürgen Müller, Armee und Drittes Reich 1933-39. Paderborn 1987.
(8) Klaus-Jürgen Müller, Witzleben - Stülpnagel - Speidel - Offiziere im Widerstand. Heft 7 der Beiträge zum Widerstand. Hg. von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Berlin 1988, S. 8f.
(9) Dirks/Janßen 1999, ebd. S. 182.
(10) Zitiert nach Dirks/Janßen 1999, ebd. S. 59 unter Bezug auf eine Besprechung im Reichswehrministerium am 20./21.12.1933 zum Risikoheer, Dok. 123, gedruckt in Klaus-Jürgen Müller, Armee und Drittes Reich 1933-39. Paderborn 1987.
(11) Messerschmidt in Heer/Naumann 1995, a.a.O., S. 534.
(12) Messerschmidt in Heer/Naumann 1995, a.a.O. unter Bezug auf die Denkschrift über die Erhöhung der Angriffskraft des Heeres vom 20. Dezember 1935, BA-MA, II H 662 und weitere Dokumente, aufgeführt ebd. unter Fußnote 13.
(13) Messerschmidt in Heer/Naumann 1995, a.a.O., S. 535.
(14) Messerschmidt in Heer/Naumann 1995, ebd. unter Bezug auf folgende Quelle: IMT, Bd. 34, S. 745 ff., Dok 175-C und Akten zur deutschen auswärtigen Politik 1918-1945 (ADAP), Serie D, BD. VII, App. III, S. 547ff.
(15) Peter Steinbach/Johannes Tuchel (Hrsg.), Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Bonn 1994, S. 264 in einem Text der Herausgeber.
(16) (Dirks/Janßen 1999, ebd., S. 70f.)
(17) Hans Mommsen, Die Stellung der Militäropposition im Rahmen der deutschen Widerstandsbewegung gegen Hitler. In: Ueberschär 2000, S. 119ff.
(18) Mommsen in Ueberschär 2000, ebd., S. 120.
(19) Mommsen in Ueberschär 2000, ebd., S. 130ff.
(20) Ulrich Cartarius; Opposition gegen Hitler - Deutscher Widerstand 1933-1945, S. 21.
(21) Ebd.
(22) Wette in Ueberschär 2000, S. 26f.
