Generalmajor Henning von Tresckow
1. Geboren 10.1.1901, Selbsttötung am 21.7.1944.
2. Entstammt einer alten preußischen Adelsfamilie. Sechzehnjährig Meldung als Freiwilliger und Teilnahme am Ersten Weltkrieg 1917/18 als Offizier. 1918 Leutnant, Übernahme in die Reichswehr. 1920 Ausscheiden aus dem Militärdienst. Jura-Studium (1923 abgebrochen). Kurzzeitig Börsenmakler in einem Berliner Bankhaus. 1924 Übernahme des väterlichen Gutes Wartenberg in der Neumark. 1926 Wiedereintritt in die Reichswehr. Generalstabsausbildung. 1928 Oberleutnant. 1934 Hauptmann. 1938 Major. 1939 Berufung in die Führung der Heeresgruppe A unter General Gerd von Rundstedt. 1940 Oberstleutnant. Erster Generalstabsoffizier (1a) bei der Heeresgruppe B (ab 1941 umbenannt in Heeresgruppe Mitte). 1942 Oberst i. G. Ende Juli 1943 Versetzung in die „Führerreserve“. Oktober 1943 Versetzung an den Südabschnitt der Ostfront, dort Ende November 1943 Chef des Stabes der 2. Armee. 1944 Generalmajor. Am 21. Juli 1944 Selbsttötung an der Hauptkampflinie bei Ostrow.
3. Als „national gesinnter Offizier beklagte er die parteipolitische Zerrissenheit der Weimarer Republik und wurde von Hitler und dem Nationalsozialismus angezogen“, besonders wegen dessen Eintreten für militärische Belange und für Vergrößerung der militärischen Macht. Er habe aber der nationalen Erregung kritisch gegenübergestanden, schreibt der Historiker Gerd R. Ueberschär.(1) V. Tresckow begrüßte zunächst die Machtübernahme der Nationalsozialisten. Am „Tag von Potsdam“, dem 31. März 1933, paradierte v. Tresckow mit seinem Bataillon des Potsdamer Infanterie-Regiments 9 an Hindenburg und den Vertretern des alten Preußens genau so vorbei wie an Hitler, Göring und den nationalsozialistischen Führern. Die Röhm-Krise soll ihn ihn erstmals erschüttert haben, da in ihrem Zusammenhang die Generäle v. Schleicher und v. Bredow ermordet wurden.
Andere Historiker, wie Wolfram Wette, betonen, dass die Reichswehr generell, inklusive Offizieren wie Stauffenberg und v. Tresckow, den NS begrüßt hatte, auch der „radikale Antisemitismus der NSDAP“ habe sie nicht daran gehindert.(2) Charakteristisch für den „militärischen Widerstand“, „gerade auch“ die Verschwörer des 20. Juli 1944 sei, dass Forderungen, Mordaktionen einzustellen, dadurch motiviert waren, dass „die Manneszucht“ leiden, d.h. dass die Disziplin in der Truppe beeinträchtigt werden könnte, weiter: dass die Ehre der Wehrmacht, insbesondere auch der Offiziere tangiert sei und dass die Massenmorde negative Rückwirkungen auf das Ansehen Deutschlands haben könnten.(3) Wette verallgemeinert für die Angehörigen der Wehrmacht, die bereits vor 1933 in der Reichswehr gedient hatten, dass sie „der Demokratie ablehnend, den Juden gleichgültig bis ablehnend und dem Bolschewismus ausgesprochen feindselig gegenüberstanden“.(4) Winfried Heinemann weist ausdrücklich darauf hin, dass die Motivation v. Tresckows, v. Gersdorffs und anderer Hitlergegner, den Morden an der sowjetischen Zivilbevölkerung zu widersprechen, vor allem darin bestand, dass Mordaktionen der Absicht zuwiderliefen, die eroberten Gebiete vom Kommunismus zu „befreien“: „Tresckow und später Stauffenberg setzten auf ein weitgehendes Engagement der deutschfreundlichen antikommunistischen Kreise in diesen Gebieten für die Zwecke der deutschen Kriegsführung.“(5)
Henning v. Tresckow soll vergeblich darauf gedrängt haben, den „Barbarossa-Erlass“ vom 13. Mai 1941 (Kriegsgerichtsbarkeitserlass) und den „Kommissarbefehl“ vom 6. Juni 1941 nicht zu befolgen.(6) Zumindest letzteres widerspricht nach neuerer Forschung „eklatant dem Forschungsstand“ (Christian Gerlach). Inhalt des Kriegsgerichtsbarkeitserlasses beim „Unternehmen Barbarossa“, dem Überfall auf die UdSSR, war die Straffreiheit von Wehrmachtsangehörigen bei Verbrechen gegen die sowjetische Zivilbevölkerung, die Todesstrafe gegen ZivilistInnen bei Widerstandshandlungen gegen die Wehrmacht (und zwar ohne Einschaltung von Kriegsgerichten) sowie kollektive Gewaltmaßnahmen, sofern nach Anschlägen gegen die Wehrmacht die Täter nicht gefasst würden. Der „Barbarossa-Erlass“ (Kriegsgerichtsbarkeitserlass) wurde durch Vertreter der militärischen Opposition modifiziert, beispielsweise durch die Tätigkeit v. Gersdorffs (1c/AO, d.h. Nachrichtenoffizier/Abwehroffizier der Heeresgruppe B). Dabei wurden völkerrechtliche Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung ausdrücklich für ungültig erklärt, ganz genau wie im ursprünglichen Erlass vom 13. Mai 1941. Speziell der Artikel II der Haager Landkriegsordnung, der ein Recht der Zivilbevölkerung eines überfallenen Landes auf Selbstverteidigung beinhaltet, wurde außer Kraft gesetzt.(7) Gerlach schätzt ein, dass v. Tresckow und v. Gersdorff zwar die Initiative gegen den Kriegsgerichtserlass ergriffen, dies aber bei weitem nicht so intensiv wie von der Forschung bisher angenommen, und überdies nicht nur mit „verdienstvolle(n) Milderungen und Mäßigungen, sondern auch (mit) Verschärfungen“. (8)
Dass v. Tresckow sich im Mai 1941 mit dem damaligen Generalstabschef der Heeresgruppe, General Hans v. Salmuth, verabredet haben soll, den Kommissarbefehl zu sabotieren, beruht auf tagebuchartigen Quellen (nicht: Tagebüchern), die erst nach dem Kriege verfasst wurden und überdies die Daten des Kommissarbefehls und des Barbarossa-Erlasses verwechseln. Christian Gerlach hingegen kann sich auf neuere Aktenfunde berufen, die nachweisen, dass v. Tresckow und v. Gersdorff „den Einsatz von Agenten und deutschen Spezialeinheiten in sowjetischen Uniformen auf sowjetischem Gebiet vor dem Angriff auf die UdSSR in verantwortlicher Position“ organisierten, wie es dann beim Überfall auf die Sowjetunion auch tatsächlich geschehen ist.(9) Ein überlieferter Ausspruch v. Tresckows, wenn denn Völkerrecht gebrochen werden müsste, sollten dies (zuerst) die Russen tun (10), kontrastiert damit, dass er selbst ja den völkerrechtswidrigen Angriff und konkret am 22. Juni den völkerrechtswidrigen Einsatz von deutschen Soldaten in sowjetischen Uniformen mit organisiert hatte!
1942 zum Oberst im Generalstab befördert, versuchte v. Tresckow seit Mitte 1942 mehrmals, Anschläge auf Hitler zu organisieren, deren Ausführung jedoch immer wieder scheiterte. Er war „Kopf der Verschwörung im Osten“.(11) V. Tresckow entwickelte den Gedanken, das Szenario unter dem Namen „Walküre“, das eigentlich für die Abwehr möglicher innerer Unruhen gedacht war, für einen Umsturz zu benutzen, wie es ja dann 1944 auch geschehen sollte. „Das von Tresckow entwickelte Konzept zielte auf die Errichtung einer Militärdiktatur mit der Hilfe von General Olbricht, dem Chef des Allgemeinen Heeresamtes beim Befehlshaber des Ersatzheeres. Als Tresckow nach Rußland abkommandiert wurde, betraute er Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit der Durchführung des Umsturzes.“(12)
13. März 1943 organisierte v. Tresckow anlässlich eines Hitler-Besuchs bei der Heeresgruppe in Smolensk ein Attentat, das jedoch wegen Rücksichten auf unbeteiligte Offiziere scheiterte. Bei der Rückreise Hitlers ließ v. Tresckow eine Bombe ins Flugzeug schmuggeln, doch ihre Zündung versagte.(13) Ebenfalls in Kontakt mit v. Tresckow organisierte Oberst v. Gersdorff ein Attentat, als Hitler am 21. März 1944 eine Ausstellung von Beutewaffen im Berliner Zeughaus eröffnen sollte, das jedoch ebenfalls scheiterte, weil Hitler die Ausstellung vorzeitig verließ.(14)
Seine über Jahre verfolgten Attentats- und Umsturzpläne hinderten v. Tresckow nicht, z.B. 1942/43 brutale "Antipartisaneneinsätze“ (15) und die Schaffung „toter Zonen“ zu unterstützen, Maßnahmen, die sich überwiegend gegen ZivilistInnen richteten und unter dem Vorwand des „Bandenkampfes“, einer bewusst verschleiernden Bezeichnung für „Partisanenbekämpfung“, zur Ermordung von Zehntausenden Menschen führten. Nach Christian Gerlach ist beweisbar, dass v. Gersdorf und v. Tresckow auch von den Morden der Einsatzgruppen Kenntnis hatten. Zu Arthur Nebe, dem SS-Brigadeführer der Einsatzgruppe B, behielten v. Tresckow und v. Gersdorff auch nach 1941 ein weitgehend ungetrübtes Verhältnis bei. Unter Nebes Führung „begann die Einsatzgruppe B mit der unterschiedslosen Vernichtung von Juden in ihrem Bereich und erschoß bis zu Nebes Weggang 45.000 Menschen“.(16) Nebe wurde lange Zeit trotz seiner Verantwortung für Verbrechen dieser Größenordnung zum Widerstand gezählt. Nebes Kontakt zu v. Gersdorff hatte auch mit dessen Funktion als Nachrichten- und Abwehroffizier zu tun. V. Gersdorff berichtet zwar darüber, Nebe habe Meldungen über Erschießungen „an das RSHA weitergegeben, die er uns gegenüber in Abrede stellte“, andererseits spricht v. Gersdorff auch in seinem Frontreise-Bericht vom 9. Dezember 1941 über Erschießungen von Juden und betont, diese Tatsachen seien im Offizierskorps an der Front „in vollem Umfang“ bekannt geworden.(17) (Zur Kooperation von SD-Einsatzgruppen und Wehrmacht siehe auch die Angaben zu Wagner.)
Im Juli 1943, also nachdem v. Tresckow bereits mehrere Attentatsversuche unternommen hatte, fanden seine Pläne zur Schaffung „toter Zonen“ – d.h. zur planmäßigen Ermordung von Zivilpersonen - , die v. Tresckow unaufgefordert an verschiedene Stellen im OKH geleitet hatte, Beachtung auch durch Hitler: „Der Bericht hat dem Führer vorgelegen und seine Billigung gefunden.“(18) V. Tresckow hat diese Politik nicht erfunden, aber auch nicht „bloß“ übernommen, sondern Vorschläge zu einer effektiveren Ausgestaltung gemacht.
Die Verschwörer benötigten, sollte ein Staatsstreich gelingen, zuverlässige Truppen. Der Kampf gegen die Partisanen bot den Vorwand, unter Führung Majors Georg Freiherr v. Boeselager ein „Kavallerieregiment Mitte“ aufzustellen. An diesem zeigte sich die „charakteristische Zweischneidigkeit“ (Heinemann) solcher Unterfangen, denn einmal existent, musste dieses Regiment auch tätig werden. Dazu bot sich die „Partisanenbekämpfung“ an. Boeselager machte Vorschläge, wie in „befriedeten“, „bandengefährdeten“ und „bandenverseuchten“ Territorien zu verfahren sei: In letzteren sollten Männer bis 50 Jahre „bis zu einem bestimmten Zeitpunkt“ von der Truppe aufgegriffen und „der Wirtschaftsinspektion als Arbeitskräfte“ zugeführt werden. Männer – gleichgültig ob bewaffnet oder nicht -, die nach diesem Zeitpunkt aufgegriffen wurden, sollten sofort erschossen werden. Diese Vorschläge machte sich Tresckow zu eigen und leitete sie auch weiter. Heinemann weist darauf hin, dass sie „eine Ablehnung der bisher praktizierten willkürlichen Erschießungen implizierten“. So kann man es auch sagen: Denn nunmehr sollten die Männer geregelt erschossen werden.(19) Auch der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt nimmt Stellung zu diesen Vorschlägen Boeselagers und bewertet die vorgeschlagene Praxis „kriegsvölkerrechtlich unzulässig und alles andere als geeignet, die Bevölkerung zu gewinnen“.(20)
Das dergestalt in der Bandenbekämpfung geübte Kavallerieregiment sollte im März 1943 bei dem (dann verworfenen) Attentat auf Hitler anlässlich seines Besuchs bei der Heeresgruppe Mitte dazu dienen, sein Gefolge zu überwältigen. Nach dem 15. Juli 1944 wurde diese Einheit mit ähnlichem Auftrag heimlich Richtung Berlin in Marsch gesetzt, traf dort jedoch nicht rechtzeitig ein.(21)
Ende Juli 1943 wurde v. Tresckow in die "Führerreserve" versetzt. Er nutzte die Gelegenheit, zusammen mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg in Berlin an der Umfunktionierung der "Walküre"-Pläne für einen Staatsstreich zu arbeiten. Im Herbst 1943 wurde v. Tresckow an den Südabschnitt der Ostfront versetzt und dort Ende November 1943 zum Chef des Stabes der 2. Armee ernannt. Mehrfache, durch Henning v. Tresckow initiierte Versuche, Generalfeldmarschall v. Manstein als Spitzenfigur für einen Militärputsch zu gewinnen, scheiterten, zuletzt auch eine persönliche Unterredung am 25. November 1943.(22)
V. Tresckow hielt 1944 im Rang eines Generalmajors Kontakt zu den Verschwörern, ohne direkt in die Vorbereitungen für den Umsturzversuch eingreifen zu können. Unmittelbar vor dem Anschlag vom 20. Juli 1944 bestärkte er Claus v. Stauffenberg in dessen Entschluss, den Anschlag auszuführen. Nach Hermann Graml glaubte auch v. Tresckow nicht mehr, dass Attentat und Staatsstreich „kurzfristigen politischen Zwecken dienen“ könnten; vielmehr komme es darauf an, „daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat“.(23)
V. Tresckow war als Generalstabsoffizier (1a) in der Heeresgruppe Mitte tätig, in dem es während bzw. parallel zu seiner Tätigkeit zu zahlreichen Mordaktionen kam. Heinemann bezeichnet ihn dennoch als einen Mann, der nur auf den ersten Blick große Kompetenzen gehabt habe, vielmehr sei er als Generalmajor nur mit dem niedrigsten Generaldienstgrad ausgestattet gewesen und als einer von über 3.100 Generälen der Wehrmacht „aus Sicht des Regimes ein Rädchen im Getriebe“ gewesen. Er habe daraus nicht die „individualistisch-moralische Konsequenz“ gezogen, „eine Verwendung zu finden, wo er sich die Finger nicht schmutzig machte“. Es sei ihm wichtiger gewesen, das verbrecherische Regime zu stürzen, als selbst schuldfrei zu bleiben.(24) Solche Bewertung weicht nicht nur der Frage aus, ob die Verbrechen der Wehrmacht möglich gewesen wären, wenn langjährige hohe Militärs sich ihnen verweigert hätten, sondern suggeriert auch, selbst Generäle wären lediglich Befehlsempfänger gewesen. Dabei haben auch Angehörige der militärischen Opposition ihre Befehle nicht „nur“ empfangen und weitergeleitet, sondern sie haben ihren Inhalten weitgehend zugestimmt, sie sich zu eigen gemacht und ihre Umsetzung ausgestaltet, wie sich am Beispiel der Partisanenabwehr in der Heeresgruppe Mitte zeigt.
„Für die Angehörigen dieser zweiten Offiziersgeneration, die sehr stark unter dem Eindruck der deutschen Revolution von 1918-1920 stand, war ein ausgeprägter Antikommunismus eine Selbstverständlichkeit. Tresckows und Stauffenbergs antibolschewistische Grundhaltung machte dabei keine Ausnahme. So hatte Stauffenberg erklärt, daß die Abrechnung mit dem NS-Regime erst erfolgen könne, wenn der Bolschewismus ausgeschaltet sei. (...) Diese Einstellung implizierte die von Hitler und der NS-Propaganda postulierte Gleichsetzung von Bolschewisten und Juden.“(25) Mit dieser Grundhaltung erklärt der Historiker Hans Mommsen, warum in der Heeresgruppe Mitte kaum Widerstand gegen die „Partisanenbekämpfung“ aufkam, obwohl diese zur Ausrottung der in der Sowjetunion lebenden jüdischen Bevölkerung benutzt wurde. „Es ist nachgerade schwer zu begreifen, warum die Führung der Heeresgruppe bereit war, vom Vorhandensein einer umfassenden Partisanenbewegung auszugehen und den entsprechenden Berichten der Einsatzgruppen, die durch die Hand von Gersdorffs und von Tresckows gingen, unkritisch Glauben zu schenken, obwohl die sowjetische Partisanenbewegung im Mittelabschnitt 1941 nur ansatzweise existierte und vor 1942 keine ernsthafte Rolle spielte.“(26) Dass dort überwiegend unbeteiligte ZivilistInnen und darunter wiederum Tausende Jüdinnen und Juden liquidiert wurden, steht heute weitestgehend fest. Bei der „Partisanen-“, der so genannten „Bandenbekämpfung“, wurden regelmäßig zehnmal soviel Menschen exekutiert wie Waffen beschlagnahmt. Doch wer zu den Partisanen ging, musste zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort in der Regel selbst ein Gewehr mitbringen, was den Schluss zulässt, dass neun von zehn Getöteten wahrscheinlich keine Partisanen waren.(27)
Am 28. Juni 1944, unmittelbar vor dem Attentat auf Hitler, unterschrieb Henning v. Tresckow als Chef des Generalstabs der 2. Armee einen Befehl folgenden Inhalts: „Bei Bandenunternehmungen den Banden abgenommene Jungen und Mädchen im Alter von 10 bis 13 Jahren, die körperlich gesund und deren Eltern nicht auffindbar oder als nicht arbeitsfähige Personen in den für Restfamilien (Bodensatz) vorgesehenen Räumen zusammenzuziehen sind, sind ins Reich abzuschieben.“ Dieser Befehl war Teil der „Heuaktion“, bei der im Gebiet der Heeresgruppe Mitte 40.000 bis 50.000 „Jugendliche im Alter von 10 bis 14 Jahren“ gefangen werden und in den Junkers-Werken und im deutschen Handwerk Zwangsarbeit leisten sollten. „Heu“ bedeutete: heimatlos, elternlos, unterkunftslos. Der Zweck der Aktion war im NS-Jargon die „Minderung seiner (des Gegners – Red.) biologischen Kraft auf längere Sicht“. Was konnte damit gemeint sein? Mehrere Stellen arbeiteten bei diesem Verbrechen zusammen, bei dem etwa 4.500 Kinder verschleppt wurden.(28) Was bewegte Henning v. Tresckow, der seit Jahren gegen Hitler konspirierte, mehrere Attentate gegen Hitler organisiert hatte und unter Mitwirkung und Mitwisserschaft zahlreicher anderer einen Staatsstreich plante, diesen Befehl zu unterzeichnen und weiterzugeben, mit dem Kinder zwangsweise in die kriegsverlängernde deutsche Rüstungsproduktion geschickt wurden? Befürchtete er, sonst diszipliniert, degradiert, unehrenhaft entlassen, hingerichtet zu werden?
Henning von Tresckow wird von der Bundeswehr in besonderem Maße geehrt. Neben einer Kaserne in Oldenburg ist auch die Kaserne des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, zuständig für alle Einsätze der Bundeswehr im In- und Ausland, in Geltow bei Potsdam nach ihm benannt.
Für die Kooperation von SD-Einsatzgruppen und Wehrmacht bzw. Oberkommando des Heeres und Reichssicherheitshauptamt siehe auch die biographischen Angaben zu Eduard Wagner.
Anmerkungen:
(1) Gerd R. Ueberschär, Stauffenberg. Der 20. Juli 1944. Frankfurt am Main 2004.
(2) Wolfram Wette, Reichswehr, Wehrmacht, Antisemitismus und militärischer Widerstand (1933–1939). In: Gerd R. Ueberschär, NS-Verbrechen und der militärische Widerstand gegen Hitler. Darmstadt 2000, S. 22.
(3) Wette ebd., S. 26.
(4) Wette ebd.
(5) Winfried Heinemann, Kriegsführung und militärischer Widerstand im Bereich der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront. In: Ueberschär 2000, S. 80.
(6) Gerd R. Ueberschär, Der militärische Widerstand, die antijüdischen Maßnahmen, „Polenmorde“ und NS-Kriegsverbrechen in den ersten Kriegsjahren (1939- 1941). In: Ueberschär 2000, S. 39.
(7) Eingehend dazu: Christian Gerlach, Hitlergegner bei der Heeresgruppe Mitte und die „verbrecherischen Befehle“. In: Ueberschär 2000 S. 62 ff.
(8) Ebd., S. 67.
(9) Ebd., S. 67 mit Bezug auf OKW-Akten: BA-MA Freiburg, WF-03/9121: OKW, Amt Ausland/Abwehr, Betr.: Einsatz des Lehr-Regiments („Zeit des Einsatzes in Zivil- und sonstiger Tarnkleidung bleibt den Heeresgruppen verantwortlich überlassen“, gez. Lahousen) v. 11.6.1941, abgezeichnet von v. Tresckow, sowie weitere Akten, die Gerlach eingesehen hat.
(10) Ebd.
(11) Heinemann in: Ueberschär 2000.
(12 Hans Mommsen, Die Stellung der Militäropposition im Rahmen der deutschen Widerstandsbewegung gegen Hitler. In: Ueberschär 2000, S. 123.
(13) Wolfgang Benz/Walter Pehle (Hrsg.), Lexikon des deutschen Widerstandes. Frankfurt am Main 1994, darin: Teil II. Lexikon, Stichwort: Attentate auf Hitler, S. 166f.
(14) Ebd. (15) Gerlach in Ueberschär 2000, ebd., S. 68.
(16) Gerlach ebd.
(17) Helmut Krausnick, Hitlers Einsatzgruppen. Die Truppen des Weltanschauungskrieges 1938-1942. Frankfurt am Main 1985, S. 197f. unter Bezug auf folgende Quelle: Abschr. in KTB Nr. 1 (Band Dez. 1941) des Obkdos. der Hgr Mitte; IfZ, Fd 600/1.
(18) Zitiert nach Gerlach in Ueberschär 2000, S. 70 und 76; Quelle: BA-MA Freiburg, RH 11 I/39, Bl. 2: OKH, GenStdH/Gen.d.Inf. VI an SS-Führungshauptamt v. 18.7.1943.
(19) Heinemann in Ueberschär 2000, S. 83.- Die gleichen Tatsachen werden ausführlich auch hier wiedergegeben: Christian Gerlach, Männer des 20. Juli und der Krieg gegen die Sowjetunion. In: Hannes Heer/Klaus Naumann, Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. Hamburger Edition/Lizenzausgabe für Zweitausendeins 1995, S. 437 f.
(20) Manfred Messerschmidt, Motive der militärischen Verschwörer gegen Hitler. In: Ueberschär 2000, S. 114.
(21) Gerlach in Heer/Naumann 1995, S. 438.
(22) Benz/Pehle 1994, darin: Hermann Graml, Militärischer Widerstand, S. 95.
(23) V. Tresckow zitiert nach Graml in Benz/Pehle 1994, ebd., S. 96.
(24) Heinemann in Ueberschär 2000, S. 86.
(25) Hans Mommsen, Die Stellung der Militäropposition im Rahmen der deutschen Widerstandsbewegung gegen Hitler. In: Ueberschär 2000, S. 126 f.- Mommsen bezieht sich auf Fundstellen aus der Biographie von Christian Müller, Oberst i.G. Stauffenberg. Düsseldorf 1970, S. 216 und 542.
(26) Mommsen ebd., S. 127.
(27) Vgl. Gerlach in Heer/Naumann 1995, S. 435.
(28) Christian Gerlach in Heer/Naumann 1995, S. 439 f. und 445 f. unter Berufung auf folgende Quellen a) für den Befehl: Armee-Oberkommando 2 Nr. 4758/44 vom 28.6.1944, MZAP WF-03/26818, Bl. 299, b) für den Inhalt der „Heuaktion“: Vermerk Der Chef des Führungsstabes Politik (im Ostministerium) – pers. Ref. – vom 12.6.1944, zitiert nach Barbara Bromberger /Hans Mausbach, Feinde des Lebens, Köln 1987, S. 185 ff.
