Der Bendlerblock in Berlin

Von 1999 bis 2007 führte die Bundeswehr zu Ehren der "Männer des 20. Juli" am Bendlerblock in Berlin-Tiergarten jährlich ein Gelöbnis durch. Diese deutschen Militärs verübten am 20. Juli 1944 ein Attentat auf Hitler. Es scheiterte. Attentäter und Mitverschwörer wurden verhaftet, viele von ihnen wurden hingerichtet.

Seit 1993 nutzt die Bundeswehr den Bendler-Block militärisch. Damit stelle sie sich, so die eigene Darstellung, in das Vermächtnis des militärischen Widerstandes gegen Hitler. Der Bendler-Block sei "vor allem mit dem deutschen Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft verbunden." Bis zum Zeitpunkt des Attentats auf Hitler allerdings haben namhafte Mitglieder der militärischen Opposition den Vernichtungskrieg der Wehrmacht aktiv mitgetragen. Weder lehnten sie die deutsche Expansionspolitik ab, noch waren sie Anhänger der Demokratie. Im Gegenteil, viele identifizierten sich nicht nur kurzzeitig mit der nationalsozialistischen und rassistischen Ideologie.

Tatsächlich symbolisiert der Bendlerblock vor allem Aufrüstung, Planung und Führung verbrecherischer Kriege. Im Rahmen der imperialistischen Politik des kaiserlichen Deutschlands wurde die Marine zur zweitgrößten Hochseeflotte der Welt ausgebaut. Mit ihr sollte im imperialistischen Konkurrenzkampf in Übersee ein "Platz an der Sonne" militärisch erobert werden. 1914 bezog das Reichsmarineamt unter Admiral Tirpitz den Neubau. Tirpitz, der im 1. Weltkrieg den uneingeschränkten U-Boot-Krieg forderte, ist heute noch Namenspatron des Marinehafens der Bundeswehr in Kiel. Für die Nazis war er so wichtig, dass sie die Uferstraße am Berliner Landwehrkanal nach ihm benannten.

Nach dem 1. Weltkrieg zog das Reichswehrministerium ein. Die Namen Noske und von Seekt sind untrennbar mit dem Bendlerblock verbunden. Der reaktionäre Sozialdemokrat und Reichswehrminister Noske organisierte die militärische Niederschlagung der Novemberrevolution 1918 und des Spartakusaufstandes im Januar 1919. Unter dem Chef der Heeresleitung, General von Seekt, wurden hier ab 1925 unter höchster Geheimhaltung detaillierte Pläne ausgearbeitet, die Reichswehr entgegen dem Versailler Vertrag zu einer großen Kriegsarmee auszubauen. Dank dieser Vorbereitungen konnte Hitler die Wehrmacht binnen sechs Jahren zur stärksten Armee Europas machen.

Am 3. Februar 1933, bereits wenige Tage nach der Machtübernahme durch die Nazis, weihte Hitler die Generalität der Reichswehr im Bendlerblock in seine Planungen ein: "Ausrottung" des Pazifismus, Todesstrafe für Landesverrat, Einführung der Wehrpflicht und vor allem "die Wiederherstellung der deutschen Macht". Er ließ keinen Zweifel daran, wofür diese Macht eingesetzt werden sollte: zur "Eroberung neuen Lebensraumes im Osten und dessen rücksichtsloser Germanisierung." Kein General erhob sich, keiner dankte ab - im Gegenteil: Die verbrecherische Wehrmacht kämpfte als Teil der NS-Diktatur, vom Bendlerblock aus geführt durch das Oberkommando der Wehrmacht.

Nach 1990 wurde die strategische Ausrichtung der Bundeswehr von der Landesverteidigung hin zur Sicherung des "ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt" verschoben. 150.000 Soldaten werden in wenigen Jahren Gewehr bei Fuß stehen, um weltweit "deutsche Interessen" durchzusetzen. Diese Einsätze werden auch im Bendlerblock vorbereitet und entschieden.

Damit schließt sich der Kreis. Nie wurde von diesem Haus aus Verteidigung geplant, immer nur Aggression, und wieder plant und führt das deutsche Militär Kriege, mit zunehmender Aggressivität. Der Gebäudekomplex des Bendlerblocks symbolisiert diese Kontinuität.

Ralf Siemens
Der Text wurde in der GelöbNIX-Zeitung 2003 zuerst veröffentlicht und 2009 in Bezug auf den Zeitraum, in dem Gelöbnisse auf dem Gelände des Bendlerblocks stattfanden, aktualisiert.

Publikationen zu militärkritischen, friedenspolitischen und wehrpflichtrelevanten Themen

Intranet Server