Bundeswehrchronik 1966 - 1975

1966

macht der Rücktritt von drei hohen Generalen Schlagzeilen. Der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Panitzki, bittet offiziell wegen Differenzen mit Verteidigungsminister von Hassel und der „Starfighter-Krise“ um seine Entlassung. Am nächsten Tag folgt der Generalinspekteur, General Trettner, und aus „Solidarität“ folgt später der Befehlshaber im Wehrbereich III, Generalmajor Pape. Das Motiv für Trettners Rücktritt liegt in einem langen Streit um die Position des Generalinspekteurs innerhalb des BMVg. Ausschlaggebend für seinen Rücktritt ist die Auseinandersetzung mit dem zivilen Staatssekretär Gumbel. Dieser hatte an Trettner vorbei den sogenannten „Gewerkschaftserlass“ in die Truppe gegeben. In der Literatur wird dieser Akt unterschiedlich bewertet. Einerseits wird auf persönliche Unverträglichkeiten zwischen dem General und dem zivilen Staatssekretär hingewiesen, andererseits wird der Rücktritt auch als Angriff auf den Primat der Politik gewertet. Ein weiterer Aspekt, der dazwischen liegt, wirft aber ebenfalls ein Licht auf das Verständnis des Offizierskorps. „General Trettner und viele Offiziere waren der Überzeugung, dass es in Politik und Verwaltung im Grunde „am Willen zur Anerkennung der Eigenständigkeit des Soldatenberufs fehlte". Auch heute noch spielen zivile Gewerkschaftsvertretungen in der Bundeswehr kaum eine Rolle. Durchgesetzt hat sich lediglich der Deutsche Bundeswehrverband, der am 14. Juli 1956 gegründet wurde und heute rund 220.000 Mitglieder zählt.

Am 14. September verunglückt das U-Boot Hai (S 170). Bei einer Überwasserfahrt dringt, unbemerkt von der Besatzung, Wasser ins Boot ein. Von der 20-köpfigen Besatzung überlebt nur ein Matrose.

1968

21./22. August 1968: Sowjetische Truppen besetzen Prag und zerschlagen den "Prager Frühling". Für die Nato und insbesondere für die USA keine Bedrohung westlicher Interessen. Deshalb gibt es keine Weisung, eigene Truppen zu mobilisieren oder aufmarschieren zu lassen. Ein Regensburger Divisionskommandeur der Bundeswehr handelt eigenmächtig und lässt seine Panzerdivision ausrücken. Die USA reagieren umgehend und bringen die deutschen Panzerspitzen nur unter größten Mühen zur Umkehr.

1969

Im Juni 1969 veranlasst der damalige Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Schnetz auf Weisung des Generalinspekteurs und des Ministers, die Anfertigung einer Studie mit dem Titel „Gedanken zur Verbesserung der Inneren Ordnung des Heeres“. Die Brisanz der Studie ergibt sich aus der Verbindung von Pragmatismus und konservativer Programmatik. Im Eingangskapitel wird bereits darauf verwiesen, dass der Soldatenberuf eben nicht ein Beruf wie jeder andere ist, sondern eine Aufgabe "sui generis". Der Soldat ist nicht zur Abschreckung da (wie dies in der damaligen Verteidigungspolitik festgelegt war), sondern zum Kämpfen, falls die Abschreckung versagt. Damit widerspricht die Studie vermittelten Grundsätzen der Inneren Führung der damaligen Zeit. Weiter werden die Einschränkung des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung und des Wehrbeauftragten gefordert sowie eine Kompetenzausweitung des Militärs im BMVg, Wehrpropaganda durch „wirkungsvolle Filme“ und: ...“Nur eine Reform an Haupt und Gliedern, der Bundeswehr und Gesellschaft, ... kann die Kampfkraft des Heeres entscheidend heben.

1974

Mai 1974: Zum Abschluss eines Unteroffizier-Grund- und Fahnenjunker-(ROA-) Lehrgangs an einer Heeresschule findet eine "Durchschlageübung" statt, an der mehr als 100 Lehrgangsteilnehmer als „Gefangene“ beteiligt sind. Im Rahmen dieser Übung werden die Teilnehmer in einen kleinen feuchten Bunker gesperrt. Die Bunkerwände sind mit Nägeln und Haken versehen, damit die "Gefangenen" sich weder anlehnen noch ausruhen können. Stehend und ohne Verpflegung werden sie über einen Zeitraum von 15 Stunden mit Dreckwasser und Trockenlöschpulver bespritzt. Ihre Notdurft müssen sie in dem Bunker verrichten. Mindestens ein Soldat wird am zweiten Tag der Übung vor einer „Vernehmung“ zu einer „Morgengymnastik“ befohlen und soll sich dafür entkleiden. Nachdem er dies verweigert, werden ihm die Hände auf den Rücken gefesselt, mit einem Strick nach oben gezogen und am Bunkerdach befestigt, anschließend wird er mit Dreckwasser bespritzt. Nach ca. 30 Minuten wird er mit einem Strick um den Hals zum „Verhör“ gebracht und erneut mit Wasser übergossen. Anschließend wird er in einen anderen Bunker gebracht, in den er sich gefesselt auf den Boden legen muss, der etwa zehn Zentimeter hoch mit eiskaltem Schmutzwasser bedeckt ist. Danach brechen die Wachmannschaften die „Behandlung“ ab. Lediglich ein Soldat beschwert sich beim Wehrbeauftragten. Bei der Untersuchung des Vorfalls wird festgestellt, dass diese Übung ohne jede Beanstandung durch disziplinarische Vorgesetze und ohne Beschwerden von Betroffenen bereits mehrfach abgehalten wurde und zur „Selbstdisziplin und Härte“ der Soldaten führen sollte.

1975

9. Februar 1975: Beim Landeanflug auf den Nato-Stützpunkt Souda auf Kreta stürzt ein Transportflugzeug vom Typ Transall mit 42 Soldaten an Bord ab. Alle Insassen kommen ums Leben.

Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Horst Hildebrandt, nimmt in Uniform an einer Militärparade zum 36. Jahrestag des Sieges der Franco-Faschisten in Spanien teil. Der SPD-Verteidigungsminister Leber bezeichnet diesen Vorfall als „Betriebsunfall“.

Luftwaffen-Generalleutnant Rall fliegt im halbamtlichen Auftrag nach Südafrika, um dort das Regime militärisch zu beraten. Minister Leber läßt ihn erst fallen, nach dem dies öffentlich wird.

An der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg nimmt ein chilenischer Offizier an einem Lehrgang teil. In einem Vortrag rechtfertigt er den faschistischen Putsch in Chile. Insgesamt kommt es in diesem Jahr zu 19 Treffen der HIAG (Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit/Bundesverband der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS) und der Bundeswehr. So beispielsweise im April 1975, wo der ehemalige General der Bundeswehr, Graf von Kielmannsegg, als Festredner bei einer HIAG-Veranstaltung zu Ehren des 80. Geburtstages eines SS-Generals auftritt. Aktive Offiziere in Uniform sind mit dabei.

Publikationen zu militärkritischen, friedenspolitischen und wehrpflichtrelevanten Themen

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