Bundeswehrchronik 1956 - 1965

1956

2. Januar 1956: Die ersten Freiwilligen treten ihren Dienst an.

16. Januar 1956: Der kommissarische Marine-Leiter des Verteidigungsministeriums, Kapitän zur See Zenker, hält eine Ansprache vor den ersten Marine-Freiwilligen, in der er die Legitimität des Nürnberger Alliierten Gerichtshofes anzweifelt, den "Opfermut", die "Einsatzbereitschaft" und die "ritterliche Haltung" der Kriegsmarine hervorhebt. Seine Oberbefehlshaber Raeder und Dönitz hätten nur "ihre Pflicht gegenüber dem Volk" erfüllt. Für ihn gilt die Tradition der deutschen Marine pauschal als "ehrenvoll". Zenker konnte trotz dieser Rede in der Bundeswehr ungerührt Karriere machen und wurde 1961 als Admiral zum Inspekteur der Marine.

17. Januar 1956: Wehrmachts-Major, Abgeordneter und Mitbegründer der FDP Erich Mende plädiert in einem Memorandum „Kritische Betrachtungen zum bisherigen Wehrmachtsaufbau” für den Namen Wehrmacht, für die Beibehaltung des alten deutschen Stahlhelms und die Wiederaufwertung des Eisernen Kreuzes. Weiter bedürfe es "kluger, psychologischer Maßnahmen und einer großzügigen ideellen und materiellen Wiedergutmachung, um die auf dem deutschen Soldatentum lastenden psychologischen Hypotheken abzutragen." Mit den Lasten meinte er nicht die Verbrechen der Wehrmacht, sondern die "Fehlbehandlung" durch die Siegermächte nach 1945. Mende saß bis 1980 im Bundestag, wechselte 1970 zur CDU über und war von 1963 bis 1966 Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen.

20. Januar 1956: Am "Tag der deutschen Streitkräfte", schulfrei war gegeben worden, nimmt Bundeskanzler Adenauer einen Appell von 1.500 Soldaten in Andernach ab. Vertreter des Parlaments sind nicht eingeladen. Februar 1956: Im Bundestag setzt sich durch, die westdeutschen Streitkräfte "Bundeswehr" und nicht Wehrmacht zu nennen.

Oktober 1956: In der Bundeswehr dienen 31 Generale und 100 Oberste des früheren Generalstabs der Wehrmacht.

508 ehemalige Angehörige von SS-Verbänden werden in die Bundeswehr aufgenommen. 3117 hatten sich ingesamt beworben.

1957

1. April 1957: Die ersten Wehrpflichtigen müssen ihren Dienst antreten. Die vor dem 30. Juni 1937 Geborenen werden nicht herangezogen und bilden die "Weißen Jahrgänge".

3. Juni 1957: Beim "Iller-Unglück" kommen 15 Rekruten ums Leben, als sie im Anschluss an den Dienst den Befehl befolgen, die Iller bei Kempten zu durchqueren.

Die erste große Rüstungsbeschaffungsmaßnahme entwickelt sich gleich zum Skandal. Verteidigungsminister Franz Josef Strauß ordert 4 472 Schützenpanzer HS 30 bei der Schweizer Firma Hispano-Suiza. Bei der Auftragsvergabe sollen Bestechungsgelder in Milionenhöhe geflossen sein. Ein Untersuchungsausschuß des Bundestages kann die Vorwürfe nicht bestätigen, aber auch nicht entkräften.

1959

22. Oktober 1959: 2 Kampfflugzeuge der Bundeswehr vom Typ F-84F überfliegen den "eisernen Vorhang" und stürzen über der CSSR ab.

1961

Generalleutnant Friedrich Foertsch wird Generalinspekteur der Bundeswehr. Foertsch ist wegen Kriegsverbrechen in der Sowjetunion zu 25 Jahren Arbeitsbesserungslager verurteilt.

1962

Hans-Dieter Walter, Major der Bundeswehr, hat sich als Offizier der Wehrmacht direkt an Kriegsverbrechen beteiligt. In einer richterlichen Vernehmung verteidigt er die Erschießung von 600 Juden im Oktober 1941 durch seine Infanterieeinheit, „da unter uns eine starke Erbitterung gegen die Partisanen herrschte.“ Die Voruntersuchung gegen ihn wird eingestellt.

1963

Januar 1963: Für den Abend der TV-Ausstrahlung "Stalingrad" von Claus Hubalek, der sich an Theodor Pliviers Roman orientiert, ordnet Generalinspekteur der Bundeswehr Friedrich Foertsch eine Alarmübung für die Bundeswehr an, damit die Soldaten den Film nicht sehen können. In einem Fernschreiben an die Truppe wendet sich Foertsch nicht nur gegen die Ansicht, der Durchhaltebefehl Hitlers von 1942/43 sei verbrecherisch gewesen, sondern verteidigt ihn sogar als zukunftsweisend: "Kampf auch in aussichtsloser Lage bis zum letzten" sei "eine Forderung an den Soldaten, die zu allen Zeiten und auch in Zukunft gilt".

1. August: Ein Rekrut wird zu Tode geschliffen. Bei einem 15-Kilometer-Gewöhnungsmarsch der Ausbildungskompanie 6/9 der 1. Luftlandedivision in Nagold brechen mehrere Wehrpflichtige zusammen. Sie werden unbarmherzig weitergtrieben. Ein 19-Jähriger stirbt einige Tage später im Krankenhaus infolge der Schikanen. Im Rahmen der Ermittlungen stellt sich heraus, dass Ausbilder auch Liegestütze mit Messer unterm Bauch, das "Sauberkauen" von ABC-Maskenventilen befohlen und auf Rekruten eingeprügelt hatten.
Als der "Schleifer von Nagold" wird ein einfacher Ausbilder als Hauptschuldiger zu einer mehrmonatigen Haftstrafe verurteilt, unehrenhaft aus der Bundeswehr entlassen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder eingestellt. Die Kompanie wird aufgelöst. Es gibt schon zu diesem Zeitpunkt kritische Stimmen, die darauf hinweisen, dass diese Vorfälle, ungeachtet der Einzigartigkeit ihres Gewichts, wohl doch nicht die Folge rein zufälligen Zusammenfindens sadistischer Vorgesetzter in einer Kompanie, sondern eher Resultat schwerer Mängel im Ausbildungssystem der Vorgesetzen sind.

1964

Juni/Juli 1964: Die „Affäre Heye“ beschäftigt die Öffentlichkeit. Vizeadmiral a.D. Helmuth Guido Heye (CDU) hat als zweiter Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestags in einer Artikelserie in der Illustrierten Quick die Entwicklung der Bundeswehr kritisiert, in der sich "ein Geist der Reformfeindlichkeit" ausgebreitet habe. Die Bundeswehr bliebe hinter der gesellschaftlichen Entwicklung zurück und verharre in antiquierten Vorstellungen und gerate dadurch in Isolation.
Die Innere Führung habe sich bei einem Großteil der Offiziere und Unteroffiziere nicht durchgesetzt und die Entwicklung zu einem Staat im Staate sei zu erkennen. Quer durch alle Parteien im Parlament und durch die Massenmedien wurde Heye desavouiert. Er wurde zur Persona non grata für die Bundeswehr und trat Ende des Jahres von seinem Amt resigniert zurück. Inhaltlich wurde seine Kritik nicht widerlegt und konnte auch nicht widerlegt werden.

1965

1. Juli 1965: Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel präsentiert einen Traditionserlass für die Bundeswehr. Er ist der erste Erlass, in dem das Ministerium verbindlich für die Truppe festlegt, was für die Bundeswehr traditionswürdig ist. Er war nötig geworden, da die Truppe vor Ort - oftmals von ehemaligen Wehrmachtsoffizieren geführt - freie Hand gehabt hatte, selbst zu bestimmen, in welcher Tradition sie sich sieht. In dem Erlass wird Tradition als Überlieferung des gültigen Erbes der Vergangenheit gewertet und Traditionspflege als Teil der soldatischen Erziehung begriffen. Kaiserliche Armee, Reichswehr und Wehrmacht, Schlachten und Symbole, Waffengattungen, Verbände und Einzelpersonen seien gemessen an den gesetzlichen Rahmenbedingungen traditionswürdig. Eine konkrete Abgrenzung zur Wehrmacht ist nicht vorgenommen worden, sie war nicht erwünscht.

Publikationen zu militärkritischen, friedenspolitischen und wehrpflichtrelevanten Themen

Intranet Server